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Meine Geschichte 2009/2

2009/2

Aber der Mai brachte natürlich auch ein paar schöne Momente mit sich. „Wir“ wurden Deutscher Fußballmeister – ole ole – und ich bekam viel erfrischenden Besuch, meine Ergotherapeutinnen Katja und Celine stellten mit ihren Töchtern Luisa und Nele meinen Alltag kurzfristig auf den Kopf, Kerstin und Olli hatten ihre liebe Mühe, Moritz und Carlotta von der landschaftlichen Umgestaltung unseres Gartens abzuhalten. :o) Da solche Besuche zwar immer sehr unterhaltsam sind, eine wirkliche Unterhaltung bei diesem Geräuschpegel aber nahezu unmöglich ist, kam Kerstin ein paar Tage danach noch einmal alleine mit Carlotta bei mir vorbei. Wir hatten uns viel zu erzählen, denn obwohl Kerstin im selben Ort wohnt, lag unser letztes Zusammentreffen unglaubliche sieben Monate zurück. Früher habe ich immer gedacht, die Leute spinnen, die behauptet haben, die Zeit würde schneller vergehen je älter man wird – heute muss ich jedoch erkennen, sie haben leider Recht. Es ist unfassbar, wie schnell eine Woche oder ein Monat vergeht. Ich nehme mir so oft vor, den Tag bewusst zu leben, jeden Augenblick zu genießen und mich an den kleinen Dingen zu erfreuen, aber manchmal rast ein Tag beinahe unbemerkt an mir vorbei und es ist plötzlich schon wieder Zeit ins Bett zu gehen, obwohl ich das Gefühl habe gerade erst aufgestanden zu sein. Auch die folgenden Wochen gingen einfach vorüber, ohne dass ich mich an einzelne Tage oder Geschehnisse erinnern konnte. Diese Zeit war geprägt durch den Krankenhausaufenthalt meines Vaters. Meine Mutter und meine Schwester besuchten ihn fast täglich sofern es sein Gesundheits- und Gemütszustand zuließen. Mein Vater hasste es krank zu sein, schwach zu sein, aber ich glaube, noch mehr als seine Erkrankung selbst machte es ihm zu schaffen, dass seine Familie und Freunde ihn in diesem für ihn unerträglichen Zustand sahen. Als Nina mich im Juni fragte, ob ich Papi, wenn es ihm wieder besser ginge, auch mal im Krankenhaus besuchen wollte, zögerte ich. Ich war mir nicht sicher, ob mein Vater es aushalten würde – ich weiß ja nur zu gut wie schwer es ist, Schmerzen zu haben und trotzdem zu lächeln, schwach zu sein und trotzdem stark zu erscheinen. Leider verschlechterte sich der Zustand meines Vaters in den folgenden Tagen zunehmend und am 27. Juni 2009 ist er ganz friedlich eingeschlafen. Obwohl wir lange Zeit hatten, uns darauf vorzubereiten, traf uns diese Nachricht vollkommen unvermittelt. Auch wenn ich unendlich traurig bin, meinen Vater nicht mehr gesehen zu haben um Abschied zu nehmen, tröstet mich der Gedanke, dass er nun nicht mehr leiden muss. Er wird in meinem Herzen immer bei mir sein! Und ich bin mir sicher, dass wir uns irgendwann wieder sehen.

Die ersten Tage beziehungsweise Wochen nach dem Tod meines Vaters waren ganz seltsam. Dadurch, dass er in den letzten zwei Jahren oft lange Zeit im Krankenhaus lag, waren wir mit der Situation vertraut, dass er nicht zu Hause war. Obwohl er nicht hier war, war er dennoch da. Jetzt mussten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass er nicht hier, aber eben auch nicht mehr da war und er nicht mehr nach Hause kommen wird. Diese Endgültigkeit war nur schwer zu ertragen. :o( Und noch etwas machte meiner Mutter, Nina und mir sehr zu schaffen: Die Welt schien nicht für einen einzigen Moment still zu stehen, inne zu halten, Abschied zu nehmen – das Leben ging irgendwie einfach weiter. Viel schneller als erwartet, holte uns der Alltag wieder ein. Ich hatte täglich meine Pflegekräfte um mich, meine Therapeuten kamen und gingen, meine Mutter hatte ihre Termine, ging zum Sport und Radfahren, Nina und Mirko mussten arbeiten, Luca war wie jeden Tag in der Krippe und brachte uns alle zum Lachen – eigentlich war alles wie immer und doch war alles anders. Einerseits ist das natürlich gut so, denn ich glaube, kein Mensch möchte, dass durch seinen eigenen Tod das Leben seiner Lieben aus den Fugen  gerät. Andererseits hinterlässt jeder Mensch, der gehen muss, eine unausfüllbare Lücke und dass die Welt abseits der Familie, Freunde und Bekannte keine Notiz davon nimmt und sich immer weiter dreht, machte mich unendlich traurig. :o( Eine ebenso schöne wie traurige Überraschung erlebte ich eine Woche später. Mitte Juli erhielt ich die ersten Exemplare meines Buches als Vorabdruck. Meine Mutter brachte mir den Karton mit einem breiten Grinsen im Gesicht runter und sagte: „Guck mal, was ich hier habe!“ Sie stand da mit einem stinknormalen braunen Karton in der Hand, freute sich wie Bolle und ich verstand nur Bahnhof. Als sie das erste Buch hoch hielt, wurde auch mein Grinsen kreisverdächtig. :o) Aber schon im nächsten Moment musste ich mit den Tränen kämpfen, denn ich wusste, wie gerne mein Vater diesen Augenblick mit uns geteilt hätte. Die Nächste, die Tränen in den Augen hatte, war Nina, als sie die Widmung für Luca entdeckte. Über ein halbes Jahr hatte ich dieses Geheimnis für mich behalten müssen, was mir mehr als schwer gefallen ist. Umso schöner war es jedoch jetzt ihre Rührung zu sehen. Da saßen wir nun und heulten alle drei um die Wette – vor Rührung, Glück und Traurigkeit.

In den folgenden Tagen brachte die Möglichkeit mein Buch nun wirklich in den Händen zu halten auch meine Pflegekräfte, Therapeuten und Freunde teilweise zum weinen. Andere wiederum quietschten vor Freude und versprachen überall Werbung für mein Buch zu machen.  Werbung? – darüber hatte ich mir ja noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Natürlich waren beim Rowohlt Verlag viele Anfragen von verschiedenen Fernsehsendern und -formaten eingegangen, selbst Günther Jauch hatte mich in seine Sendung „Stern TV“ zu einem Exklusiv-Interview eingeladen, und auch einige große Zeitungen wollten ein Interview mit mir machen. Jedoch hatte ich gar nicht in Betracht gezogen, dass auch ich selbst für mein Buch Werbung machen könnte. In einem solchen Fall zahlt es sich aus, wenn man viele Leute kennt bzw. eine Schwester hat, die bekannt ist wie ein Bunter Hund. Nina nutzte die Ankündigung meines Buches in der Verlagsvorschau als Vorlage und ließ große Plakate drucken. Diese verteilten wir an sämtliche Therapeuten, Freunde und Bekannte, die Kneipen, Restaurants oder Cafes besaßen, und an ein paar Fitnessstudios. Die Werbemaßnahmen hatten sich gelohnt – allein im Juli wurden 3500 Exemplare meines Buches verkauft. :o) Cool!! Eine weitere verkaufssteigernde Maßnahme war ein Interview, das ich Ende Juli mit der Bild am Sonntag führen durfte. Die Redakteurin kam an einem sonnigen Tag mit einem Fotografen zu mir, wir saßen auf meiner Terrasse und sie fragte mich aus. Ich antwortete und meine Pflegekraft Daniela übersetzte mein Gequassel. Es war eine nette Atmosphäre und ich fühlte mich sehr wohl, die Fragen waren einfühlsam gestellt und meine Antworten wohl überlegt. Da konnte unmöglich etwas Schlimmes bei raus kommen – dachte ich!  Doch dann erschien der Artikel am 2. August und mich traf fast der Schlag: „Die Frau, die öffentlich sterben will“. Na das war ja mal wieder typisch BamS, wenn der Inhalt des Artikels nicht viel Sensationelles bietet, muss wenigstens die Überschrift reißerisch genug sein, um die Leser aufmerksam zu machen. Nur dass ich deswegen öffentlich sterben wollen soll, finde ich milde gesagt eine Frechheit. Und überhaupt, was soll denn bitte „öffentlich sterben“ sein? Eine Hinrichtung? Eine öffentliche Verbrennung auf dem Scheiterhaufen? Oder wie bitte stirbt man öffentlich?

Die Resonanz auf den Artikel war jedenfalls riesig! Meine Homepage wurde wie verrückt angeklickt, ich bekam Post aus ganz Europa, mein Gästebuch platzte aus allen Nähten und alle versprachen mein Buch zu kaufen. So hatte mein „öffentliches Sterben“ doch noch etwas Gutes. Und es ging auch gleich gut weiter, Luca feierte seinen ersten Geburtstag – unglaublich! Es war ein schöner, warmer Sommertag und wir verbrachten den ganzen Nachmittag auf Ninas und Mirkos Terrasse. Neben meiner Mutter und mir war auch noch Mirkos Mutter Anni da, und so hatte Luca seine liebe Not, die Berge an Geschenken aufzureißen. Erschwerend kam hinzu, dass Mirko Die mit einer Kamera bewaffnet um ihn herum schwirrte und permanent seinen Namen rief. Nina versuchte ihrerseits, die ganze Szenerie zu filmen und gleichzeitig zu kommentieren. Der arme Luca wusste gar nicht wo er zuerst hingucken sollte. :o) Irgendwann waren alle Geschenke ausgepackt und wir wollten zum sogenannten „gemütlichen Teil“ übergehen, also in Ruhe Kaffee trinken und Kuchen essen, aber das ist mit so einer kleinen Teppichratte leichter gesagt als getan. Luca war, wie wahrscheinlich alle Jungs, etwas faul. Er weigerte sich lange und konsequent zu krabbeln und zog es stattdessen vor, sich auf dem Bauch liegend, unter Zuhilfenahme seiner Ellenbogen, vorwärts zu robben. Ich kannte diese Fortbewegungsart bisher nur aus Ninas Erzählungen und hatte daher überhaupt keine Vorstellung, welche Geschwindigkeiten so erreicht werden können. Nun war ich Live und in Farbe dabei und staunte nicht schlecht, mit welchem Affentempo Luca sich von einem Ende der Terrasse zum anderem schlängelte. Wenn man ihn nur eine Sekunde aus den Augen ließ, reichte ihm das, um Blödsinn für Drei anzustellen. Nichts war mehr vor ihm sicher: Blumenkübel wurden auf ihre Standfestigkeit getestet, jedes Kabel wurde bis zu seinem Ursprung verfolgt und jeder Knopf oder Schalter, der ihm in die Quere kam, wurde gedrückt. Puh! Wie sollte das erst werden, wenn der rasende Luca krabbeln oder laufen kann?

Na ja, kommt Zeit, kommt Rat. Wenn ich eines in den Jahren meiner Erkrankung gelernt habe, dann, dass es sich nicht lohnt, sich den Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen. Hatte mich noch vor ein paar Jahren die Vorstellung, fremde Hilfe oder gar einen Pflegedienst in Anspruch nehmen zu müssen, extrem geängstigt, erwies es sich im Nachhinein doch als nicht so schlimm, wie ich es mir im Vorfeld ausgemalt hatte. :o) Entgegen all meiner Erwartungen bzw. Befürchtungen, durch ein Mehr an Betreuung bequemer zu werden, war es sehr angenehm, einen Menschen in meiner Nähe zu wissen, den Luxus zu haben, jemanden direkt um Hilfe bitten zu können, einen Ansprechpartner und Zuhörer zu haben. Durch die Möglichkeit, mich bei auftretenden Schmerzen an Fersen, Po, Schulterblättern oder Ohr umlagern zu lassen, ließen zudem meine Schmerzen  spürbar nach. Ich musste mich nicht mehr selber quälen, um meine Position zu verändern, ich brauchte nicht mehr mehrere Stunden draußen in der Wärme liegen, ohne etwas trinken zu können, und ich musste nicht befürchten, mich an meiner zäh und zäher werdenden Spucke zu verschlucken. Das war nämlich bisher meine größte Angst gewesen, denn bei immenser Anstrengung oder Wärme war irgendwann ein Punkt erreicht, da konnte ich schlucken wie ich wollte, die Spucke verweigerte den Abgang. Harkan lässt grüßen. :o) Je mehr ich schluckte, desto schaumiger und fester wurde das Zeug – ätzend! Nun konnte ich endlich regelmäßig etwas trinken oder mir Wasser mit einer Pipette in den Mund träufeln lassen. Auch meine zahlreichen anderen Tricks kamen jetzt täglich zum Einsatz. Ich „lutschte“ überwiegend weiße Mentos und Tic Tac, ihr Minzgeschmack verhinderte, dass meine Spucke auf dumme Gedanken kam. Um nicht Gefahr zu laufen, mich an den schlüpfrigen Scheißerchen zu verschlucken, bunkerte ich sie an einen bombensicheren Ort – meiner Wangentasche. Und sollte ich mich doch mal überanstrengt haben, und mein Körper mich mit fest gewordenem Schleim bestrafen, konnte ich ihn nun ganz einfach mit einem kleinen Sprüher aus meinem Odol Mundspray wieder auflösen.

Die längere Versorgung hatte noch einen weiteren großen Vorteil – ich konnte trotz Affenhitze und absolutem Klebealarm auch tagsüber Mails beantworten und meine Kontakte zu Freunden, Ärzten und Betroffenen pflegen. Dazu weihte ich nach und nach meine Pflegerinnen Aksana, Daniela, Steffi und Nadine in die Geheimnisse meines Laptops ein. Einige kannten sich bereits gut mit Outlook, Word und Excel aus, für einige war es jedoch kompliziertes Neuland. Es war zum Teil sehr anstrengend, sie nur durch Erklärungen auf das richtige Symbol zu lotsen, und ich glaube, wir sind alle ein paar Mal fast verzweifelt. :o) Allerdings ergaben sich auch witzige Situationen, vor allem durch Tippfehler. Zum Beispiel machte mich Aksana zum „Bruzzel-Baron“ obwohl ich meiner Freundin Katja eigentlich nur mitteilen wollte, dass ich mittlerweile schon bruzzelbraun sei. Oder Daniela beantwortete eine Anfrage von einem Herrn Schwien mit den Worten: „Sehr geehrter Herr Schwein“, obwohl sie sich mehrfach vergewissert hatte, ob der Herr Schwein auch wirklich Schwein heißt. Erst bei der Rückantwort von Herrn Schwien bemerkte sie ihren Irrtum, und wir lachten uns alle kringelig. Aber den Vogel hat Nadine abgeschossen. Ich musste leider die Bitte einer Schülerin um Mithilfe bei der Erörterung meines im Unterricht behandelten Buches ablehnen. Ich diktierte Nadine den Text und wir beendeten ihn mit den Worten: „Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht.“ Einige Tage später erhielten wir eine Antwort. Rein zufällig fiel mein Blick auf unseren unten noch lesbaren Text und da stand: „Ich hoffe, du bist enttäuscht.“ Dieses eine kleine fehlende Wort sorgt auch heute noch zu regelrechten Lachanfällen, wenn wir uns daran erinnern. :o)

Auch sonst waren meine Mädels immer für einen witzigen Spruch zu haben – meist ohne dass sie es selber bemerkten. Erst durch meinen völlig entgeisterten Blick oder durch mein belustigtes Glucksen wurden sie sich ihrer Worte bewusst und es endete, wie es enden musste, mit einem Lachflash. So erklärte mir Daniela, auf mein Frage, wie denn die Übergabe bei den, über den Tag verteilten, Einsätzen geregelt wird: „Nur mit Kerstin können wir uns ja nicht zusammen übergeben!“ Ach nein, wieso?, alle in eine Reihe und dann auf Drei! Oder Aksana verkündete bei der Einarbeitung von Aruna: „Sandra mag es nicht, wenn man sie beim Essen anschreit!“ Ja nö, ist klar, wer mag das schon? Aruna, die nicht vorhatte, mich anzuschreien, guckte wahrscheinlich genauso blöd wie ich. Erst da kapierte Aksana, dass die Worte „anstarren“ und „anschreien“ zwar ähnlich klingen, aber doch etwas grundsätzlich Verschiedenes bedeuten. Doppeldeutig ging es auch manchmal bei der Pflege zu, Daniela war gerade dabei Fucidine auf meine Mundwinkel aufzutragen, und wollte von mir wissen, ob sie meine Lippen mit Bepanthol eincremen soll. Sie fragte: „Die anderen Lippen auch?“, was ich jedoch unverzüglich und äußerst vehement verneinte. Wo kommen wir denn da hin? Wenige Tage später entschuldigte sich Marion beim Aufstehen von der Toilette dafür, dass ich mir den Kopf an der Wand angehauen habe. Sie sagte ganz trocken: „Oh, jetzt habe ich dich gleich zwei Mal gebumst!“ Na das wüsste ich aber. :o) Langweilig wurde es so nie!

Langeweile war sowieso ein Fremdwort für mich – irgendwas war immer. Dadurch, dass ich meine Texte und Mails seltener selbstständig schrieb, sondern sie von meiner Liege aus meinen helfenden Händen diktierte, saß ich zwar deutlich weniger, musste dafür aber deutlich mehr quatschen. Leider strengte mich das viele Sprechen doch sehr an, so dass meine Aussprache im Laufe des Sommers zunehmend undeutlicher wurde. Zudem ließ meine Nackenmuskulatur weiter nach, und das Halten meines Kopfes war ein echter Kraftakt. Immer öfter mussten meine Helfer mir beim Anheben und Senken behilflich sein. Dadurch geriet ich manchmal in ziemlich missliche Situationen. Entweder wurde mein Kopf angehoben oder herunter gelassen, obwohl ich es gar nicht wollte, oder – und das war echt zum Verzweifeln – er wurde nicht angehoben, obwohl ich es unbedingt wollte. :o( Da hang ich nun, das Kinn auf der Brust und nicht in der Lage, auch nur ein Wort verständlich rüber zu bringen. Meine Helferinnen versuchten zunächst, mit Hilfe meines heiß und innig geliebten Rate-Quizz, heraus zu bekommen, was ich möchte. Ich wiederholte unentwegt die Worte „Kopf hoch“, was sie nicht verstanden und eifrig weiter rätselten. Nach mehreren Minuten erklärten sie mir schließlich: „Sandra, wenn dein Kopf runter hängt, verstehe ich dich doch nicht!“ Ach, da wäre ich ja von alleine nie drauf gekommen! :o) Für die Zukunft einigten wir uns darauf, meinen Kopf in solchen Situationen immer sofort anzuheben, und auch vor dem Herunterlassen erst zu fragen, ob ich eventuell noch etwas zu sagen habe. Falls nicht, ließ ich ihn vertrauensvoll in ihre Hände fallen, oder aber Aksana legte mir zwei Finger auf die Stirn und sagte in Hypnotiseurmanier im Moment des Fallens das Zauberwort „schlaf“.

Mein Schlaf stand auch in den nächsten Wochen im Mittelpunkt. Bisher war, neben meiner Mutter, nur Stephanie in die geheime Welt des Zubettbringens eingeweiht. Da meine Ma aber auch diesen Teil der Pflege auf kurz oder lang komplett an den Pflegedienst abgeben wollte, mussten weitere Helfer eingearbeitet werden. So wurden im August Daniela und Aksana angelernt und im Oktober sollten Nadine und Melanie folgen. Für mich bedeutete das wieder einmal Stress pur. Dabei bestand der Stress jedoch weniger in der Einarbeitung selbst, sondern vielmehr in meiner Angst vor der Ungewissheit, ob meine mehr oder weniger fremdbestimmte Schlafposition auch einen schmerzfreien Schlaf zuließ. Wenn man von anderen Menschen gelagert wurde, lag man natürlich anders, als man sich selber hinlegen würde. Wurde man wie ich von mehreren verschiedenen Personen gelagert, lag man dementsprechend jedes Mal individuell anders. Es fühlte sich irgendwie unnatürlich an, Oberkörper, Arme, Beine und Kopf lagen in einem ungewohnten Winkel und es entstanden merkwürdige Spannungen auf der Haut. Je öfter ich beim Erlernen der richtigen Lagerungstechnik in die eine oder andere Richtung gezogen wurde, desto unerträglicher wurden die Spannungsgefühle auf meiner Haut. Hinzu kamen die altbekannte Faltenproblematik, sowie die ewigen Druckschmerzen an bestimmten Körperstellen. Am Ende lag ich zwar im Bett und meine Schlafposition sah aus wie immer, aber es fühlte sich völlig anders an als sonst. Ob anders einfach nur anders, eventuell schlechter oder sogar besser bedeutete, war eben ungewiss. Und genau darin bestand meine Angst. Sollte ich im Laufe der Nacht bemerken, dass ich aufgrund der Schmerzen nicht schlafen konnte, benötigte ich Hilfe. Diese war aber ebenso ungewiss, denn erstens wusste ich nicht, ob ich den Knopf vom Personenruf erreichen würde, und zweitens war nicht sicher gestellt, ob meine Mutter das Piepen des Empfängers hören würde. Deswegen mied ich nächtlichen Hilfebedarf wie der Teufel das Weihwasser. :o) Daniela, Aksana sowie später auch Nadine und Melanie waren leider die Leidtragenden meiner Weihwasserphobie. Sie haben mich und meine Genauigkeit bestimmt ein paar Mal teuflisch verflucht, aber ich konnte im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus meiner Haut!

Der August endete genauso schockierend wie er begonnen hatte. Die jüngere Schwester meines Vaters, meine Tante Ulli, erhielt die Diagnose Lungenkrebs und musste sofort mit Bestrahlungen und Chemotherapie behandelt werden. Warum mussten einige Familien so viel Leid ertragen und andere nicht? Lag auf unserer Familie eine Art Fluch, hatten wir irgendetwas verbrochen, dass wir derart bestraft wurden? Oder hat jede Familie ihr eigenes Päckchen zu tragen, nur die Außenwelt nahm dies nicht wirklich wahr? Wie zur Bestätigung erhielt ich im September die Nachricht vom Tod Jörg Dahlkes, der sich vor geraumer Zeit auf meiner Homepage vorgestellt hatte. Immer trifft es die Falschen, immer die Guten. :o( Die ganzen schlechten Neuigkeiten schlugen mir erst mal auf den Hals – seit acht Jahren ohne Erkältungen, Grippalen Infekten oder ähnlichem bekam ich aus heiterem Himmel Halsschmerzen. Sprechen, schlucken, husten, lachen, atmen, alles tat weh. Aber mit ein bisschen Geduld und Antibiotikum, war mein Hals nach wenigen Tagen wieder schmerzfrei. Dafür taten mir eine Woche später meine Augen umso mehr weh. Ich  hatte einen Friseurtermin, diesmal wieder mit Strähnchen färben – dummerweise ging das voll ins Auge. Ich wusste ja, dass ich beim Auswaschen nicht blinzeln darf, und doch fand die Farbe den direkten Weg in mein Auge. Danach sah die Welt um mich herum verschwommen aus. Um eine Schädigung auszuschließen, entschieden Aksana und ich sicherheitshalber am nächsten Tag einen Augenarzt aufzusuchen. Der sah mir einmal tief in die Augen, stellte aber keinen Schaden fest und verschrieb mir ein paar Tropfen. So hatte ich schon wenige Tage später den vollen Durchblick zurück.

Das war auch gut so, denn – als eine Art vorträgliches Geburtstagsgeschenk – bekam ich endlich meine lang ersehnten Kleiderschranktüren. Jahrelang war ich auf der Suche nach passenden Türen oder einem Schreiner, der mir diese zu einem einigermaßen erschwinglichen Preis zuschneiden und lackieren könnte. Leider ohne Erfolg. Eines Nachmittags war meine Pflegerin Stephanie bei mir, wir quatschten und sie erzählte mir aufgeregt von ihrem geplanten Umbau vom Haus. Irgendwo inmitten ihrer Erzählungen fiel auf einmal der kleine Nebensatz: „…mein Mann Ingo ist ja Schreiner…“, und während sie eifrig weitersprach, hallte in meinem Kopf nur dieser eine Satz. Lange Rede, kurzer Sinn, Steffi bat Ingo daraufhin meine Schranktüren zu vermessen und noch vor meinem 38.Geburtstag waren diese eingebaut. Dieses Jahr hatte ich mir für meine Party eine witzige Racheaktion überlegt. Da ich im Vorjahr, durch Bilder meiner Jugendsünden, peinliche Momentaufnahmen von unzeigbaren Frisuren, Klamotten und Grimassen für allgemeine Heiterkeit gesorgt hatte, mussten diesmal meine Gäste dran glauben. Mirko scannte ihre Fotos ein und präsentierte sie uns am Abend in einer Beamer-Show. Das Gegröle war groß, und es grenzt nahezu an ein Wunder, dass Mirko und mein Physiotherapeut Normen mit derart verbotenen Passbildern eine Fahrerlaubnis bekommen haben. :o) Ich sage nur: Vokuhila-Oliba!!! Ich danke euch allen sehr für einen unvergesslichen Geburtstag. 38, nun kam also auch ich langsam in ein Alter, in dem man etwas schusselig wird. Wenige Tage nach der Feier brachte mich meine Mutter mal wieder ins Bett. Wir erzählten viel und als ich schließlich gut positioniert auf meiner Tempur-Auflage lag, fühlte es sich komisch an. Irgendwas war anders, aber ich wusste nicht was. Ich lag und lag, jedoch das Gefühl blieb. Meine Mutter meinte ich spinne, ich solle einfach die Augen zu machen und versuchen einzuschlafen, während sie das Badezimmer aufräumt. Kaum im Bad angekommen, hörte ich sie laut aufstöhnen – wir hatten doch tatsächlich bei unserem Gequassel vergessen, mir meine Schlaftabletten und Muskelrelaxantien einzuwerfen. Alt und vergesslich zu werden finde ich doof!