Helfende Hände über Sandra

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Daniela

So, Sandra hat gesagt, ich soll einfach mal drauf los schreiben. Wir haben uns unterhalten und sind darauf gekommen, dass die Erfahrungen der Pflegenden eines ALS-Patienten ja auch interessant und so ganz anders sein können. Das Problem ist die richtigen Worte zu finden und zu schreiben – also einfach drauf los, wird schon gut gehen. Als erstes habe ich noch mal gelesen, was die Anderen so geschrieben haben. Da musste ich feststellen, dass manche Sachen von „Früher“ noch genauso sind. Denn ich finde, dass Sandra noch immer eine sehr quirlige Person ist oder sein kann und sie auch noch immer viele und lustige Geschichten zu erzählen hat. Leider dauert es manchmal ein bisschen, bis ich es richtig verstanden habe.

Als ich Sandra das erste Mal gesehen habe, war das nichts Besonderes für mich. Da ich Krankenschwester bin, bin ich es gewohnt, dass andere Menschen meine Hilfe brauchen. Die meisten sind zwar schon etwas älteren Semesters, aber das ändert für mich ja im Grunde nicht so viel. Pflege ist Pflege, habe ich damals gedacht. Nach einer Zeit des nicht Verstehens und ratlosen Zusehens, kam es dann soweit, dass ich das erste Mal Hand anlegen durfte. Und das war eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Ich sollte Sandra vom Sofa in den Rollstuhl setzen. In meinem vorherigen Pflegeleben war es so, dass ich die Leute mit einem etwas größeren Kraftaufwand so zu sagen hoch hieven musste. Sandra ist mir in dieser Situation fast hinter mir durch die Wand geflogen. Ich hatte nicht erwartet, dass sie sooo leicht ist und irgendwie noch so viel Kraft hat. Nachdem ich sie wieder aus der Wand gezogen hatte, wagte ich mich erstmals an den Toilettengang. Ich denke, das ging mächtig in die Hose, wenn auch nicht wörtlich gesehen. Erinnern kann ich mich zwar nicht mehr genau, aber es muss schief gegangen sein, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis wir dabei zusammen zurecht kamen. Ich zweifelte teilweise schon an mir selbst. Bei den anderen sah es zwar auch nicht ganz leicht aus, aber dass es so schwierig ist dachte ich nicht. Besonders das Haare föhnen! Kann das denn so schwer sein?

Es ist schwer! Gerade dann, wenn die Kommunikation eingeschränkt ist. Wenn ich mal wieder auf dem Schlauch stehe und nach dem zehnten Versuch immer noch nicht die Logischsten Sachen verstanden habe, bekomme ich auch noch „dumme“ Sprüche. Mit einem breiten Grinsen, dass es mir fast peinlich ist, so etwas Logisches nicht gleich zu erkennen! Aber ich wäre kein normaler Mensch, wenn es mich nicht manchmal nerven würde, denn Sandra kann sehr penibel sein und ich bin manchmal eher genau das Gegenteil. Dann kann ich nicht nachvollziehen, wie wichtig es für sie ist, dass ihr Kopfkissen richtig sitzt und dass es auch nach dam hundertsten Mal vor, rüber oder runter schieben noch nicht richtig ist. Dann muss ich auch mal mit den Augen rollen und denken „Oh Sandra jetzt muss es doch bald gut sein.“ Auch ärgert es mich, wenn ich hin und wieder dastehe und mir wie ein Trottel vorkomme, wenn mal wieder irgendetwas nicht stimmt, ich völlig hilflos daneben stehe und gar nichts machen kann. Es fällt mir schwer zu sehen, wenn es Sandra schlecht geht, vor allem dann, wenn ich an dieser Situation nicht ganz unbeteiligt bin.

Ich hoffe jedoch sehr, dass wir noch oft zusammen lachen und lustige Geschichten erzählen bzw. erleben werden. Ich freue mich schon auf die nächste!