Freunde über Sandra

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Thomas und Sandra

Wir; meine Freundin (jetzt Frau) Sandra und ich, lernten Sandra durch meinen alten Spielkameraden Stefan kennen, der uns Sandra erst mal vorsichtig beschrieb, bevor er sich traute, sie uns vorzustellen. Er hatte sich nämlich wieder einmal verknallt. Das war Anfang 1999 glaube ich. Stefan hatte zu dieser Zeit nach Scheidung, Sturm und Drang eine für uns fast filmreife Zeit mit etlichen Traumfrauen durchlebt und war zunächst etwas vorsichtig bei der aktuellen Neuvorstellung. Diese hatte er auf einer Frankfurter Messe aufgetan.

An unser erstes Zusammentreffen kann ich mich ehrlich gesagt nicht mehr so genau erinnern. Ich glaube es war in unserem damaligen Domizil in Werne. Von Anfang an war mir klar, was Stefan an Sandra anzog: italienisches Temperament, eigener Kopf, Intelligenz, sportliches Engagement (Fitnesstrainerin) und ähnliches. Alles in allem ein bildhübsches Mädchen mit Qualitäten, bei denen sich mein alter Freund warm anziehen konnte. Wir wurden schnell warm miteinander und es war auch nicht schwer, sich mit Sandra anzufreunden. Man trifft nicht oft Menschen, bei denen man das Gefühl hat, es passt einfach. Ich freute mich für meinen Freund Stefan, dass er offenbar endlich seine Traumfrau gefunden hatte. Wir unternahmen in dieser Zeit bis Ende 2002 so manches. Es war eine schöne Zeit für uns alle.

Anfang 2000 bekamen wir erstmalig mit, dass Sandra leichte gesundheitliche Probleme hatte. Sie erzählte uns, dass sie vom Fahrrad gestürzt sei und immer wenn sie schneller sprach (was eigentlich immer der Fall war) Artikulationsprobleme hatte. Zudem zeigten sich feine, kleine Muskelbewegungen, die wir alle kennen, wenn zum Beispiel die Augenlider zucken. Nach oder in einem Traumurlaub auf den Malediven hatte es angefangen. Sandra hatte das Zucken irgendwo und überall. Wir waren zu dieser Zeit beunruhigt, aber sind erst mal davon ausgegangen, dass etwas weniger Sport oder mal eine Zeit lang Magnesium einwerfen das Problem schnell lösen würde. Das war aber leider nicht der Fall.

Für die beiden ging eine Zeit des Suchens los. Sandra (meine Frau) und ich erwarteten im April 2000 Nachwuchs. Ich erinnere mich noch, wie ich auf der Terrasse sitzend am Abend des 29.04.2000 einen Anruf entgegennahm. 3 Tage zuvor waren wir Eltern geworden und Sandra (meine Frau) hatte an diesem 29.04 Geburtstag. Sandra und Stefan waren an diesem Tag bei irgendeinem Arzttermin gewesen und lagen nun offenbar erschöpft auf dem Bett und sahen Fern. Stefan war am Apparat und erklärte uns, dass eine seltene Nervenerkrankung der Grund für Sandras Probleme sei. Sandra meldete sich aus dem „off“ und korrigierte Stefan (wie oft) in seinen Ausführungen.

Wir waren durch die Geburt von Helena und dem davon ausgelösten Adrenanlin-Jahres-ABO so perplex, dass uns nicht sofort klar wurde, was mit dieser Information gerade rübergekommen war. Ich glaube mich zu erinnern, dass einer von beiden sogar gesagt hat „Endet mit Ersticken oder Herzstillstand“ oder „Lebenserwartung 3 oder 4 Jahre“. Dennoch haben wir, so empfinde ich heute, reagiert, als hätte Sandra einen Kreuzbandriss oder eben irgendetwas, von dem man mit Zeit wieder Abstand gewinnt und alles wird gut. Sandra, wenn Du jemals das Gefühl hattest, wir waren zuwenig für Dich da, bitte ich um Entschuldigung. Wenn es nicht so war, dann ist es meine gestörte Wahrnehmung in die Vergangenheit.

Von nun an beobachteten wir, wie Sandra zunehmend Probleme bekam, sich in ihrem Leben normal weiterzubewegen. Studium: ging nicht mehr, Sport: undenkbar. Sie meisterte alle anfallenden Probleme jedoch mit einer übermenschlichen Energie und wich dem ganzen aus, indem Sie ihr Interesse plötzlich auf Dinge wie zum Beispiel das Malen umleitete. Die gemeinsame Wohnung wurde nun bis ins kleinste Detail umgestaltet, neu eingerichtet und optimiert. Stefan erhielt, wenn er am Abend heimkam, präzise Anweisungen was zu kaufen und erledigen sei. Sandra kam stetig und ohne Pause auf neue Ideen. Sie musste zum Teil auch auf die immer größer werdenden Einschränkungen reagieren. Es taten sich dadurch Probleme auf, die nunmehr auch die Beziehung der beiden belastete.

Stefan hatte mir oft erklärt, dass er mit dieser Frau alt werden wolle und dass ihn die Krankheit nicht daran hindern würde. Er hat sich aus heutiger Sicht überschätzt und konnte nicht wissen, dass auch er, der unglaubliche Überflieger, zu schwach sein könnte. Er sah, dass Sandras Familie im weiten Wolfsburg ebenfalls nicht begriff, wie es Sandra wirklich ging. Und es schien auch nicht möglich, es ihnen begreiflich zu machen. Klar, wir hier vor Ort konnten diese drastischen Veränderungen ja kaum glauben und schon gar nicht akzeptieren obwohl wir uns ständig sahen! Sandra hatte und hat, so glaube ich, auch heute noch den Willen, von allem was war und heute ist, nur das nach außen dringen zu lassen, was nun absolut nicht mehr zu verbergen ist. Sie hat meiner Meinung nach aus Elterschutz heraus, um ihre Eltern nicht unnötig zu beunruhigen, immer auf der Schiene: “Alles nicht so schlimm“ agiert.

So kam es – aus dieser fehlenden direkten Erfahrung heraus – halt nur mal zu dem einen oder anderen Kaffeekränzchen mit Besuch aus WOB. Damit konnte Stefan gar nicht umgehen. Er war und ist ein Karrieremensch durch und durch. Eines Tages war es dann soweit. Stefan hielt den Druck nicht mehr aus und hat Sandra, ja wie soll ich es sagen, empfohlen, dass es besser sei, nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung zu leben. Er konnte die Doppelbelastung nicht länger aushalten und hat sich rational entschieden. Wohlgemerkt: die Entscheidung hatte beruflichen Hintergrund. Nicht, dass er sagte ich liebe Dich nicht mehr – nicht, dass der Grund war, seine Partnerin verfallen zu sehen. Es war nicht möglich, Kariere zu machen und gleichzeitig eine pflegebedürftige Freundin zu haben. Ich kann ihn bis heute nicht verstehen.

Natürlich war es ab einem bestimmten Punkt unverantwortlich, Sandra allein zu Hause zu lassen. Ich erinnere mich, dass sie gefallen war, sich etwas gebrochen hatte und stundenlang gebraucht hatte, um sich bemerkbar zu machen. Daher war Sandras Umzug offiziell auch nur ein Wohnortwechsel! Es war im Oktober 2002 als ich mich mehr oder weniger heimlich aus dem Krankenhaus, in dem ich am nächsten Nachmittag eine Mandel-OP hatte, wegschlich, um die beiden ein letztes Mal zu besuchen. Am nächsten morgen sollte meiner Erinnerung nach der Umzug nach Wolfsburg stattfinden. Wir haben Pizza aus dem Karton gefuttert und uns unterhalten. Gegen 22 Uhr musste ich dann, um unbemerkt wieder in mein Krankenbett zu gelangen, abdüsen. Das war auch das letzte Mal, dass ich Sandra gesehen habe.

Aus vielen Gründen haben wir uns seither nicht mehr getroffen und uns nur noch über ihre Internet-Seite ausgetauscht. Jetzt habe ich viel geschrieben, was eher zur Überschrift: “Freunde über Sandras Geschichte“ passen würde. Aber auch das lässt ein paar Einblicke zu. Weitere Ausführungen über Betroffenheit und Ungerechtigkeit würden hier noch Seiten füllen, insofern kann ich jetzt nur meinen „Wie ist Sandra“-Test empfehlen. Schaut nach vorn, da ist die Welt!

Wenn Ihr wissen wollt wie Sandra ist, dann kann ich nur empfehlen:

Ein Zicken T-Shirt anzuziehen, ein Grinsen auf die Lippen zu legen und alle positiven und heiteren Dinge, die Sandra selbst geschrieben hat, in doppelter Geschwindigkeit laut vorzulesen. Wenn Ihr dabei irgendwann laut und herzlich lachen müsst, dann wisst Ihr wie Sandra ist.