Freunde über Sandra

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Kerstin

Wir kennen uns seit der Schule, Orientierungsstufe und später Gymnasium. Durch unsere eigenständigen Freundeskreise waren wir nie besonders eng befreundet, dennoch hatten wir immer irgendwie miteinander zu tun, sei es, weil wir beide aus Ehmen kommen und oft gemeinsam mit Bus oder Fahrrad zur Schule fuhren oder wilde Geburtstagspartys feierten. Während Deines Studiums trafen wir uns auf einer Geburtstagsparty bei Olli und Kerstin wieder, standen dort den ganzen Abend in der Küche und erzählten über alte Zeiten. Ich weiß nun gar nicht mehr genau, wann Kerstin mir das erste Mal von Deiner Krankheit erzählte. Das eigenartige ist, obwohl ich Dich in den Jahren davor nur einmal gesehen hatte, beschäftigte mich das ganze sehr. Es gab immer wieder Momente, in denen ich über Dich nachdachte und auch weinen musste. Nachdem Du in das Haus Deiner Eltern zurückgezogen warst, nahm ich mir vor, Dich einmal zu besuchen. Aber irgendwie fehlte mir ein wenig Mut. Dann begegneten wir uns wieder auf einer Party bei Olli und Kerstin. Wir saßen an einem Tisch zusammen mit einer Finnin und unterhielten uns über dies und jenes, auch über Deine Krankheit. Der ganze Abend verlief so ungezwungen, das wir uns auch gleich verabredeten.

Ja, und so begann nun unsere Freundschaft. Ich weiß gar nicht wie lange, aber einige Jahre „besuche“ ich Dich nun schon. Ich möchte einmal betonen, dass es keine „Krankenbesuche“ sind, die ich abstatte, sondern dass ich mich auf unsere Verabredungen immer sehr freue. Manchmal philosophieren wir über Dinge im Leben, die uns wichtig erscheinen. Einmal sprachen wir zum Beispiel über die „Entdeckung der Langsamkeit“. Jede von uns beiden wurde auf unterschiedlichem Weg einmal „verlangsamt“. Dir fehlt durch die Krankheit die Möglichkeit zur Bewegung, ich habe durch meine Kinder die Möglichkeit erhalten, die Welt nicht nur im Laufschritt vorbeirauschen zu sehen, sondern beim Schlendern auch einmal stehen zu bleiben. Wir standen so beide vor der Situation, uns einmal mehr mit uns selbst beschäftigen zu müssen bzw. zu dürfen. Das war manchmal gar nicht so einfach. Ein Leben im Berufs- oder im Lernstress, immer unterwegs und in Gesellschaft, lässt nicht viel Zeit, um sich selbst einmal kennen zulernen und zu überlegen: Was ist mir eigentlich wichtig? Tue ich das, was mir wichtig ist oder eher das, was wem auch immer wichtig erscheint? Obwohl die äußeren Begleitumstände überhaupt nicht vergleichbar sind, gab diese „Langsamkeit“ jedem von uns ein bestimmtes Gefühl von Zufriedenheit.

Aber nicht nur so tiefgründige Gespräche bereichern mich bei unseren Verabredungen, sondern auch die vielen Nachmittage, an denen wir über irgendwelche witzigen Anekdoten von früher (oder so) ordentlich lachen. Ich bewundere Deine Art, wie Du mit der Krankheit umgehst. Du bist offen, Du beantwortest gern die Fragen, die Dir gestellt werden. Du hast gern Besuch und lauschst den angeregten Gesprächen, die in den Runden bei Dir zu Hause schon öfter entstanden sind. Deine Fröhlichkeit, wie ich sie aus unserer Schulzeit kenne, ist dieselbe. In diesem Sinne freue ich mich auf unseren nächsten „Donnerstagnachmittag“.

Deine Kerstin