Betroffene über sich

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Georg Schertl

Mein Name ist Georg Schertl, ich bin jetzt - anno 2010 - 62 Jahre alt und wohne in Reisach. Ein Ortsteil der Stadt Vilseck in Bayern, ca. 70 km östlich von Nürnberg. Ich bin verheiratet, habe zwei erwachsene Söhne und zwei Enkelsöhne. Bis zu der Erkrankung bewirtschaftete ich unseren Bauernhof. In meiner Heimatgemeinde war ich als Feldgeschworener eingesetzt und für das Amt für Verteidigungslasten nahm ich Manöverschäden auf. Mit 18 Jahren trat ich der FFW bei, deren Kommandant ich 12 Jahre lang war. In jungen Jahren spielte ich im Verein Fußball. Nachdem ich das aufgab machte ich die Jägerprüfung und ging viele Jahre dieser Passion nach. Auch das Reiten auf dem eigenem Pferd gehörte zu meinen Leidenschaften. Mein Urlaub beschränkte sich immer auf verlängerte Wochenenden. Aber meine Frau und ich machten uns große Hoffnungen, sobald unsere Söhne die anfallenden Arbeiten auf dem Hof erledigen können, ausgiebig Urlaub zu machen. Als ich bereits die Diagnose ALS hatte, der Bauernhof verpachtet war und mir langsam bewusst wurde, dass ich mit der ALS leben muss, gönnten wir uns einen Flug nach Rhodos.

ALS: Im Jahre 1988 wurde bei mir ALS diagnostiziert. Ich möchte gleich anmerken, dass ich zum Glück einen außergewöhnlich langsamen Verlauf habe. Das soll Neuerkrankten Mut machen und zeigen, dass trotz der ALS die Flexibilität zwar eingeschränkt ist, das Leben aber durchaus noch lebenswert ist. Erste Anzeichen machten sich bei mir beim Sprechen und im linken Bein bemerkbar. Das Sprechen war langsam und später lallend, so dass schon gemunkelt wurde, ob ich wohl saufe. Das linke Bein blockierte, wenn ich rennen wollte. Es wurde langsam schlechter, sodass ich beim Gehen immer öfter stolperte. Nachdem die Beschwerden immer mehr und gravierender wurden, begann eine wahre Odyssee von Untersuchungen. Zunächst vom Hausarzt zum Neurologen und dann in eine Klinik aus der ich ohne Befund, mit Verdacht auf eine leichte Durchblutungsstörung entlassen wurde. Erst ein halbes Jahr später wurde ich dann in die Kopfklinik der Uni Erlangen eingewiesen, wo nach vielen, auch unangenehmen Untersuchungen ALS diagnostiziert wurde.

1994 wurde das Laufen im Haus immer mühevoller, und nachdem ich einige Stürze hinter mir hatte, beantragte ich einen Rollstuhl für die Wohnung. Da anzunehmen war, dass die Kraft in den Armen auch weiterhin weniger wird, entschied ich mich für einen Rollstuhl mit E-Fix Antrieb. Als große Gnade sehe ich, dass ich jetzt, nach 22 Jahren, noch selber essen und trinken kann. Die Kraft in den Armen hat inzwischen stark nachgelassen, reicht aber noch zum Festhalten an Griffen oder Hilfspersonen. Deshalb ist auch noch kurzzeitiges Stehen und das Umsitzen vom Rollstuhl in den Fernsehsessel, ins Bett oder ins Auto möglich. Mit übermäßigem Speichelfluss und zähen Schleim hab ich nicht zu kämpfen, auch die Atmung funktioniert Gott sei Dank noch ohne Geräte. Das Sprechen ist inzwischen sehr undeutlich und krächzend, es klappt aber noch so gut, dass mich meine Familie und Bekannte, mit denen ich mich öfter unterhalte, verstehen.

Große Pläne in die fernere Zukunft mache ich nicht mehr, aber ich setze mir kleine Ziele, die ich erreichen will. Das Leben hat so viele Höhepunkte, die man als gesunder Mensch gar nicht so wahrnimmt. Aber ich schätze jetzt kleine positive Ereignisse umso mehr. Wenn ich dann das mir gesetzte Ziel erreicht habe, macht es mich glücklich und zufrieden und ich schöpfe neue Kraft für das nächste Ziel. Die Frage, warum muss ausgerechnet ich ALS haben, stellte und stelle ich mir nicht. Denn wer sollte an meiner Stelle ALS haben? Es würde doch bedeuten lieber ein Anderer nur ich nicht. Aber warum muss es ausgerechnet eine so heimtückische und unheilbare Krankheit sein? Das schwirrt schon öfter in meinem Kopf herum. Ich bin aber dankbar für die doch relativ vielen glücklichen und schönen Jahre, die ich trotz ALS hatte und die, die ich vielleicht mit Gottes Hilfe noch erleben werde.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Beitrag - besonders Neuerkrankten - ein wenig Mut machen konnte, die lebensbedrohende Krankheit ALS als gegeben anzunehmen, positive Ereignisse als Kraftspender zu sehen. Und vor allem die Tatsache sehen, dass trotz der ALS das Leben noch lebenswert ist. Meine und die Devise meiner Familie: „Nicht unterkriegen lassen und das Beste aus der Situation machen.“

Dir, liebe Sandra danke ich ganz herzlich, dass ich mich in Deiner hervorragend gestalteten  Homepage vorstellen darf