Betroffene über sich

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Charlotte Beck († 2009)

Ich höre auf Charlotte Gisela Beck und bin 1955 als Widder mit den dazu gehörenden Eigenschaften in Dortmund geboren. Mein Leben habe ich als Herausforderung und Abenteuer angesehen. Meine Freunde nannten folgende Eigenschaften: Super Mami, gute Freundin, dufter Kumpel, Sexbombe (völlig übertrieben), sprechende blitzende Augen, großzügig (deswegen immer pleite), beliebte Kollegin, sarkastisch, humorvoll (kann einen ganzen Saal unterhalten), super Tänzerin, Mitgefühl, fair, verrückt nach Schuhen (180 Paar), pingelig, Stimmungskanone, immer mit dem Kopf durch die Wand usw. Ich bin eigentlich every body darling und furchtbar gerne eine Frau!

Mit 20 Jahren heiratete ich Manfred und bekam zwei wunderbare Kinder, Stephanie (1978) und Christian (1979). Manfred war ein lieber Filou mit einem großen Herzen und als ich dahinter kam, war unsere Ehe beendet. Durch Glück konnte ich wieder zurück in meinen Job zum DRK-Rettungsdienst. Meine Kinder waren in der Tagesstätte gut aufgehoben und ich brauchte keinen Unterhalt. Unabhängigkeit war mir immer sehr wichtig. Meine Kollegen sorgten sich um mein Liebesleben und hatten den passenden Mann für mich, Edgar, ebenfalls Kollege. Rein zufällig war er immer in der Nähe und als er in seine Einladungen meine Kinder einbezog, verliebte ich mich in ihn. Zwei Wochen nach der Scheidung im Januar 1982 heirateten wir. Steffi war so begeistert und erzählte jedem "wir heiraten heute" und ebenso selbstverständlich ging sie davon aus, jetzt "Beck" zu heißen. Da mein Ex-Mann nicht wild darauf war, Unterhalt zu zahlen und auch sonst nix mit den Kindern am Hut hatte, unterschrieb er die Adoptionspapiere gerne. 16 Jahre waren wir glücklich, dachte ich! Wir haben mit den Kindern und Freunden wirklich schöne Zeiten gehabt. Dann bekam Edgar mit 40 das "habe ich was verpaßt-Syndrom" und fand eine verständnisvolle Zuhörerin. Wieder war ich die letzte, die es merkte und da er sich nicht entscheiden konnte, stellte ich seine Koffer vor ihre Tür. An dieser zweiten Trennung hatte ich schwer zu kauen und ohne meine Kinder und Freundinnen wäre ich arg aufgeschmissen gewesen. Meine Freundinnen haben meine Tränen ertragen und mir dann den Tritt in den Hintern gegeben, den ich brauchte. Danke vielmals ihr Süßen!

Ganz schön hart, neue Wohnung, 2 Kinder vorm Studium und keinen Job. Aber mein Motto: Stolpersteine des Lebens überspringe ich! Und ich beschloss, von nun an ein glückliches Leben als Single zu führen. Im Januar 2000 hatte ich wieder einen Job mit netten Kollegen, der mir wahnsinnig Spass machte. Meine Arbeit war mein Zuhause. Mit meinen Freundinnen machte ich viele schöne Urlaube und über die Erlebnisse lache ich noch heute. Erinnerungen sind echt toll. Die Kinder machten mir viel Freude. Steffi ist mittlerweile Lehrerin und wohnt in Koblenz. Christian ist Modedesigner und lebt in München. Bin furchtbar stolz auf die beiden. Danke an meinen Ex-Mann, der sie mit mir zu diesen Menschen gemacht hat! Habe beide Männer noch sehr lieb, versteht zwar keiner, bin halt kein Mensch, der lange böse sein kann. Gott sei Dank kann ich dunkle Stunden ausblenden und so habe ich nur schöne Erinnerungen. In den letzten Jahren lernte ich viele interessante Männer kennen und manchmal (böses Mädchen) hatte ich zwei Freunde gleichzeitig. Gleiches Recht für alle! Ein Leben auf der Überholspur nennen es meine Freunde. Nix war zu schwierig, verrückt oder unmöglich. Vielleicht eine Ahnung ???

Im Mai 2006 wache ich auf und bin heiser. Eine Woche schone ich meine große Klappe und lutsche Bonbons. Als meine Kollegen mich wegen meiner Aussprache für betrunken halten, gehe ins Krankenhaus nach Lünen. Dort die Diagnose Schlaganfall, anschließend Reha. Dann im Dezember beim Tanzen plötzlich das rechte Bein weg. Diagnose wie im Mai, diesmal Reha von Januar 2007 bis Ende März. Ich falle aus heiterem Himmel einfach hin - Diagnose wie immer. Im Mai dann Schrecken vor dem Spiegel, Mund schief. Wieder Krankenhaus Lünen und Diagnose wie immer und Reha in Camberg. Hier gibt es endlich einen Arzt, der Verdacht schöpft und mich zur Uni-Klinik Frankfurt überweist. Dort ein Blick auf meine Zunge und dann nur Fachchinesisch. Viele fiese Untersuchungen. Zwei Wochen später werden meine Kinder mit zum Gespräch gebeten. Die arme Ärztin wusste nicht, wohin sie sehen sollte, als sie uns die Diagnose ALS erklärte. Während meine Kinder schon weinten, überlegte ich, was mich das angeht. Eine Krankheit, an der ich sterben würde! Lächerlich! Ich bin ein Glückskind, das kann nicht sein! Innerhalb von 6 Monaten war ich komplett gelähmt und meine Stimme kaum zu verstehen. Ich habe mich für ein Pflegeheim entschieden, da ich finde, dass meine Kinder ihr eigenes Leben führen sollen. Hier im St. Katharina in Werne bin ich gut aufgehoben und habe die Hilfe, die ich brauche. Meine alltäglichen Probleme wurden von Sandra schon ausführlich beschrieben. Steffi und Christian wechseln sich mit den Wochenenden ab und Freunde / Bekannte kommen eigentlich jeden Tag. Dazu meine Therapien, bin also nicht einsam. Gott sei Dank durfte ich mit der Krankheit die Erfahrung machen, dass mehr Freunde da sind, als ich dachte. Alle verwöhnen mich. Jetzt ist eben mein Zimmer der Treffpunkt für alle.

Natürlich denke ich über die kommende Zeit nach. Ich möchte ebenfalls keine Eingriffe und habe mich für einen natürlichen Verlauf entschieden. Sterben macht mir keine Angst, da ich fest daran glaube, dass mein Leben auf Wolke 7 weitergeht. Bin mit meinem Freund fest verabredet. Mein Körper geht in die Forschung, eine Beerdigung möchte ich nicht. Es soll eine große Party geben und alle können meine "Dönekes" noch mal erzählen.

Ich bedanke mich für die mir entgegen gebrachte Liebe und Freundschaft. Bitte seid auch für meine Kinder da. Mein Leben war schön und ich möchte mit niemandem tauschen!

Ein guter Rat zuletzt "lebt immer heute und nicht irgendwann“