Betroffene über sich

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Achim Meier

Hallo, ich bin Achim. Ich bin 65 Jahre alt und seit fast zwei Jahren Rentner. Ich bin geschieden und Vater von 4 erwachsenen Kindern, einem Sohn und drei Töchtern, außerdem bin ich noch stolzer Großvater von 4 Enkelkindern. Ich lebe mit meiner Tochter Bianca, zwei meiner Enkel und meinem “fast- Schwiegersohn” in einem Haus in Holzminden. Von ihnen werde ich auch, seit der ALS-Diagnose im März 2005, liebevoll umsorgt und gepflegt. Ich habe erst Dachdecker gelernt, dann nach dem Wehrdienst arbeitete ich als Verkaufsfahrer auf einer Brauerei in der Nähe von Holzminden. Nebenbei führte ich mit meiner Familie noch einen kleinen Pferdehof und einen Getränkehandel, doch der Umstand der Scheidung zwang mich – zu meinem Bedauern – zur Aufgabe. Die Arbeit als Verkaufsfahrer musste ich aufgrund einer Hüft-OP vor einigen Jahren aufgeben. Bis dahin war ich auch immer sportlich sehr aktiv. Aber untätiges Rumsitzen lag mir nie und so begann ich irgendwann, auf Teilzeitbasis als Schließer an der örtlichen Universität zu arbeiten. Meine Tochter machte zu diesem Zeitpunkt eine Ausbildung zur Tischlerin und so wurde ich auch noch in der Erziehung meines ältesten Enkels eingespannt, was zwar sehr anstrengend war, mir aber auch unheimlich viel Freude bereitete, da ich ja das Aufwachsen meiner Kinder überwiegend nur an den Wochenenden erleben durfte. Ende 2003 bemerkte ich immer mehr das Nachlassen meiner Kräfte, doch ich schob dies eher auf mein Alter. 2004 wurde es immer schlimmer und meine Kinder begannen sich Sorgen zu machen. Ich baute immer mehr ab und hatte Muskelzuckungen überall, außerdem bekam ich im Liegen kaum noch Luft und konnte nicht mehr abhusten. Doch bis zur der richtigen Diagnose verging noch eine ganze Zeit in der vieles andere wie z.B. Krebs ausgeschlossen wurde. In der Zwischenzeit hatte mir meine Tochter endlich auch eine Enkelin geschenkt, doch es machte mich traurig, dass ich kaum die Kraft fand, sie zu heben. Heute wissen wir warum!

Ich lebe mit der ALS und es ist wirklich kein Zuckerschlecken. So habe ich mir mein Lebensabend nicht vorgestellt, aber ich habe noch Glück, denn ich habe eine Familie, die mit mir kämpft und in der ich gut aufgehoben bin. Natürlich gibt es schlechte und gute Phasen, aber wir stehen diese gemeinsam durch. Meine Familie hält mich auf Trab und treibt mich an, sie geben mich nicht auf, denn sie wollen, dass ich meine Enkelkinder groß werden sehe und ich will das auch. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich keinem zur Last fallen mag, doch meine Kinder und Freunde versichern, dass sie von Herzen für mich da sind. Wenn ich mich nun selbst beschreiben sollte, so würde ich sagen, dass ich eigentlich ein herzensguter Mensch bin (jeder hat mal einen schlechten Tag). Ich bin lustig und für jeden Spaß zu haben und habe mir – trotz der Krankheit und den voranschreitenden Einschränkungen – meinen Humor bewahrt. Allerdings bin ich nachdenklicher als früher. Ich bin offen und dank meiner Kinder, Enkelkinder und deren Freunde jung geblieben. Ich liebe Tiere (und wir haben einen Haufen davon) und die Natur. Mein Garten ist mein ein und alles – auch heute noch. Außerdem kann ich zu “Cappuchino und gutem Essen” nicht nein sagen. Ansonsten habe ich auf meine alten Tage noch die Liebe zum Reisen entdeckt und bin zweimal nach Spanien gereist. Am glücklichsten bin über meinen E-Rolli, da er mir noch etwas Unabhängigkeit bewahrt und ich wenigstens stundenweise wieder unter Leute komme z. B. beim Shoppen. Ich weiß nicht genau wie viel Zeit mir noch bleibt, aber ich weiß, dass ich sie nicht einfach nur verstreichen lassen sondern kämpfen werde. Danke Sandra, auch Du hilfst mir bei diesem Kampf.

In diesem Sinne carpe diem, quam minimum credula postero.