Betroffene über sich

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Franz Hahn († 2011)

Ich heisse Franz Hahn, bin 35 Jahre alt (Jg. '71), bin Schweizer und lebe im schönen Kanton Schwyz am Zürichsee. Seit etwas mehr als vier Jahren bin ich verheiratet. Wir haben einen Sohn, er wird im Herbst 06 vier Jahre alt. Ich war immer sehr sportbegeistert, jedoch alles auf Hobbybasis. Meine Lieblingssportarten, welche ich ausübte, waren: Fussball, Eishockey, Tennis, Billard und dazu kam ein wenig Radfahren, Skifahren und Schwimmen. Zudem jonglierte ich mit Begeisterung mit Bällen oder Keulen. Zwar nicht zirkusreif, aber für die eine oder andere Showeinlage hätte mein Können gereicht. Ich konnte mit vier Bällen oder drei Keulen jonglieren und es machte mir unendlich Spass, auch wenn es mir hin und wieder eine Keule an den Kopf schlug. Beruflich habe ich einiges gesehen, gelernt habe ich Koch und die letzten acht Jahre vor ALS arbeitete ich im Büro bei der Schweizerischen Post. Dazwischen war ich in verschiedenen Bereichen tätig: Wintergartenmontage, Elektriker, Hausrenovation und Maler.Ich fand bei jeder Arbeit Gefallen und wer weiss was ich bis zur Pensionierung noch gemacht hätte. Liebend gern bin ich gereist. Obwohl meine erste wirkliche Reise unternahm ich erst mit 25 Jahren, dafür lang und weit, nämlich zwei Monate Australien. Danach ging es jedes Jahr für ein bis zwei Wochen in nähere Gefilde, Griechenland, Kreta, Zypern oder Türkei. Und doch nochmals weiter weg, nämlich zweimal Malediven, sooooo schön. Kurz gesagt, mir ging es eigentlich gut.

Doch dann schlich sich ALS in mein Leben. Von einem auf den anderen Moment war ALLES auf den Kopf gestellt. Es begann im Januar 03. Beim Eishockey spielen merkte ich, dass ich keine Kraft hatte zu beschleunigen. Zudem zitterte mein rechtes Bein jeweils zwischen den Einsätzen. Damals dachte ich, ich sei zu untrainiert und fürs Hockey zu wenig talentiert. Bei den restlichen Spielen der Saison nahm ich entweder nicht teil oder es war wenigstens das Zittern weg. Die Spritzigkeit fehlte jedoch immer noch. Ich dachte nichts weiter dabei. Als dann im April/Mai die Fussballsaison wieder losging, gab es zwei komische Vorkommnisse. Erstens konnte ich mich nach einem Schuss nicht mehr auf den Beinen halten. Zweitens hackte mein rechter Fuss beim Rennen im Rasen ein und ich fiel um. Da ich im Fussball mehr Talent als im Hockey hatte und ich mich eigentlich doch fit fühlte, zählte jetzt diese Ausrede nicht mehr. Ich machte mir ernsthafte Gedanken und entschied, mich vom Hausarzt untersuchen zu lassen. Jetzt begann ein Spießrutenlauf. Vom Hausarzt zum Neurologen, dann via Hirslanden Klinik Zürich wieder zum Neurologen und wieder zum Hausarzt. Am Schluss nochmals zum Neurologen, welcher meiner Frau und mir am 16. Juli 2003 die Diagnose mitteilte. Er sagte ich hätte „amyotrophe Lateralsklerose“ kurz ALS. Was dies genau bedeutet und was auf uns zukommt, konnte oder wollte er nicht erläutern. Im Internet fanden wir die Schweizerische Gesellschaft für Muskelkranke (SGMK). Diese empfahl mir das ALS-Zentrum St.Gallen. Seitdem bin ich dort in regelmässigen Abständen (alle 10-12 Wochen) in Behandlung und Betreuung. Sie sind sehr kompetent und ich fühle mich gut aufgehoben.

Seit der Diagnose sind bereits über drei Jahre vergangen. Bei mir ist es so, dass alles betroffen ist. Das heisst, es begann in den äusseren Extremitäten. Doch unterdessen ist auch die Sprache schleppend und teilweise undeutlich, ab und zu verschlucke ich mich, Bauch- und Nackenmuskulatur ist schwächer und die Lungenfunktion ist schlechter (Lungenvolumen anfangs 114%, jetzt 82%). Doch ich halte es eigentlich wie Sandra, ich strafe ALS mit Nichtbeachtung oder anders ausgedrückt, ich versuche dass ALS nicht zum Mittelpunkt wird. Das ist allerdings alles andere als einfach, denn das lässt sich eigentlich gar nicht wegdenken. Ich könnte hier viel über Gedanken, Gefühle, Sorgen und Ängste mitteilen. Aber erstens ist das unendlich und zweitens hat das Sandra in ihren Seiten bereits hervorragend beschrieben. Sicher sind ALS-Betroffene und die Verläufe der Krankheit individuell verschieden, jedoch vieles von dem was Sandra über Gedanken, Gefühle, Sorgen und Ängste schrieb, trifft auch auf mich zu. Auch ich habe mich arrangiert mit ALS zu leben, was blieb mir auch anderes übrig. Soweit sich das wirklich so sagen lässt, „es geht mir gut“, zumindest meistens.

Zum Schluss schliesse ich mich den Worten von Ulrike Westphal an und bedanke mich ebenfalls bei dir, Sandra, dafür dass du andere Betroffene auf deiner Seite zu Wort kommen lässt. Ich hoffe das Angebot werden noch viele nutzen.

Es grüsst Franz
21.09.06