Angehörige über sich

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Jeremy Homeshaw (28.1.1949 - 17.4.2008)

Seit langem habe ich mir vorgenommen, diese Ergänzung zu schreiben – aber es macht mich einfach immer sehr traurig, an diese Zeit zurück zu denken. Der Tod seines geliebten "Josh" im Juli 2007 war für Jeremy ein emotionaler Einschnitt, von dem er sich nie mehr ganz erholte. Das Thema Tod war nun präsent. Gleichzeitig wurde er immer hilfloser, da auch sein linker Arm seinen Dienst praktisch aufgab. Lesen – früher seine liebste Beschäftigung – und TV wurden ihm langweilig. Atemprobleme und Schlafprobleme nahmen zu. Erstmals bekam er eine kleine Dosis Saroten, ein Antidepressivum. Das half ihm, wieder besser zu schlafen und aus seiner Depression etwas herauszukommen.

Ich ging nur noch 2 ½ Tage arbeiten. Lange hatte Jeremy sich gegen eine Hilfe gewehrt, aber allmählich ging es nicht mehr ohne. So arrangierte ich für zwei Tage pro Woche, dass 2-3x täglich ein Hilfsdienst kam und ihm etwas zum Trinken bzw. Essen gab u.ä. Am dritten Halbtag war unsere Aufräumerin da und so war er versorgt, während ich in die Arbeit ging. Ich bastelte für ihn Hilfsmittel wie einen Aufsatz auf sein Rollstuhl-Tischchen, so dass sein Arm auflag und er mit der Handbewegung doch noch einige Wochen lang selbst das Essen zum Mund führen konnte. Das Besteck war jedoch inzwischen aus Plastik, da dies leichter war und jedes Gramm schwer wiegt, wenn man kaum noch Kraft hat. Das Trinken ging mit Strohhalm, wobei wir uns von einem Glaskünstler Glas-Halme in unterschiedlicher Länge und Dicke machen ließen. Damit schmeckte dann auch ein heißer Tee gut und v. a. konnte er damit Cremesuppen selbst zu sich nehmen. Auch der Einsatz von Urinalkondomen bewährte sich.

Im Spätherbst wurde es für ihn eine Qual, wenn er sich verschluckte, da er auf Grund der schwach gewordenen Atemmuskulatur nicht mehr richtig husten konnte. Er musste lernen, Atmung, Kauen und Schlucken zu koordinieren – eine Selbstverständlichkeit für gesunde Menschen, so schwierig für ALS Patienten. Seine Redeweise war schnell und abgehackt mit wenigen Worten. Nicht nur wegen der Jahreszeit war bei uns Herbststimmung eingezogen. Eine erneuerte Sehnenoperation an der Hand mit 5 Wochen Krankenstand sowie Pflegeurlaub und Jahresurlaub ermöglichten es mir, bis zum Jahresende zu Hause bleiben. Freunde wie Anthony und Richard u.a. kamen oft zu Besuch und vertrieben Jeremy die Zeit etwas. Am Weihnachtstag machten wir unsere letzte Ausfahrt zum Christmaslunch bei Anthony. Ich musste meinen Mann füttern, da seine Hände den Dienst praktisch quittiert hatten. Weihnachten und Silvester verbrachten wir "wie üblich", aber die Stimmung war gedämpft. Wir wussten, dass es das letzte Mal war, dass wir gemeinsam feierten und das machte uns sehr, sehr traurig.

Jänner 2008: Jeremy konnte nun nichts mehr selbst machen. Ich musste ihn waschen und füttern. Seine Atmung war so stark reduziert, dass er nur noch flüstern konnte. Arbeiten gehe ich nur noch gelegentlich für einige Stunden. Anfang Februar lässt er sich endlich überreden, sich im Krankenhaus ein BIPAP Gerät anpassen zu lassen. Das hilft ihm sehr. Oft schläft er ein, während er dies angelegt hat. Nachdem ich ihn im KH abgeliefert hatte, ging ich zum Chirurgen und lasse eine weitere OP an meiner Hand durchführen – 5 Wochen Krankenstand! Danach wieder Pflegeurlaub und Urlaub und so kann ich seine letzten Wochen bei ihm bleiben. Von da an ging es sehr schnell. Sein Lebenswille war verschwunden, er konnte kaum noch flüstern, nicht einmal mehr Lesen, aß kaum noch etwas, das Leben hatte für ihn keinen Sinn mehr. Ein hervorragendes Mobiles Palliativ Team betreute ihn in seinen letzten Wochen bei Bedarf – er bekam Morphium Pflaster.

Ende März kam dann seine Schwester Jenni aus Australien, so dass ich zumindest ruhiger mit dem Hund eine Spaziergang machen bzw. einkaufen gehen konnte. Irgendwie schaffte er es durchzuhalten, um am 15. April unseren Jahrestag noch zu erleben und mir Blumen senden zu lassen. Ab dem 14. war er – nachdem er einen Traum von seinem verstorbenen Josh hatte – entspannt, wieder interessiert und ich bekam noch etwas Hoffnung. Am 17. April wache ich um 5 h morgens auf und merke, dass seine Atmung verändert ist. Plötzlich wird mir klar, dass er im Sterben liegt. Ich möchte ihn schütteln, damit er wieder deutlicher atmet, aber ich weiß, dass ich ihn gehen lassen muss. Ich kann nur noch das machen, was er sich gewünscht hatte: Ich halte seine Hand, bis seine Atmung aussetzt und sein Herz aufhört zu schlagen. Er stirbt genau so, wie er es sich gewünscht hatte – friedlich im Schlaf, während ich seine Hand halte. Er wollte mich nicht verlassen, aber er konnte nicht mehr bleiben. Josh hatte ihn geholt.

Das ist nun 8 Monate her und es geht mir immer noch sehr schlecht. Die Pflege war nicht das Belastende, viel schlimmer war die große emotionale Belastung. Zu wissen, dass es (Weihnachten, Silvester, sein Geburtstag, Valentinstag, Ostern....) das letzte Mal war, zu sehen, wie er immer dünner wurde und kein Interesse am Leben mehr hatte, zu wissen, dass es nur noch eine Frage von Wochen war, das war belastender als alles andere, denn ich wollte ihn nicht verlieren. Und irgendwann war es soweit und er war erlöst. Aber er fehlt mir und immer noch würde ich lieber die Pflege für ihn tragen, wenn er doch nur da wäre. So kann ich nur auf ein Wiedersehen irgendwann im Jenseits hoffen und lernen, das Leben hier irgendwie und irgendwann auch ohne ihn wieder gut zu gestalten.

"You can look at life as just a series of meetings followed by separations, some closer some more distant, but you and I seemed to be different. We belonged together."

Jeremy Dez.2006